Unter muskulären Dysbalancen versteht man im allgemeinen ein Ungleichgewicht zwischen der tonischen und der phasischen Muskulatur bzw. Schwächen in der Kinetischen Kette als Folge von exogenen und endogenen Faktoren. Die tonische Muskulatur hat als Hauptaufgabe Haltefunktionen zu erfüllen und reagiert auf Fehl- und Überlastung relativ schnell mit einer Tonuserhöhung und daraus resultierender Muskelverkürzung.

Die phasische Muskulatur, die als Gegenspieler die Durchführung dynamischer Bewegungen übernimmt, reagiert dagegen mit einer Senkung des Muskeltonus und entsprechender Abschwächung. Die folgende Tabelle zeigt die Einordnung, bezogen auf die verschiedenen Körperregionen.


Einordnung der Muskulatur
überwiegend tonische
Muskulatur

Einordnung der Muskulatur
überwiegend phasische
Muskulatur

Muskulatur mit Wirkung auf das Schultergelenk, Schultergürel und
Ellbogengelenk

Schulterblattheber –
m. levator scapulaeKapuzenmuskel (absteigender Ast) – m. trapezius (pars descendens)großer und kleiner Brustmuskel –
m. pectoralis major et minor

dreiköpfiger Armstrecker (langer Kopf) – m. triceps brachii (caput
longum)
 


Kapuzenmuskel (aufsteigender Ast) – m. trapezius (pars ascendens)
Kapuzenmuskel (mittlerer Ast) –

m. trapezius (pars horizontalis)
großer und kleiner
Rautenmuskel –
m. rhomboideus major et minor
vorderer
Sägemuskel –
m. serratus anterior


Rumpfmuskulatur

Rückenstrecker (Hals- und Wirbelsäulenbereich) – m. erector spinae
cervicalis et lumbalis
viereckiger Lendenmuskel –m. quadratus lumborumMuskulatur mit Wirkung auf das
Handgelenk


 

Rückenstrecker (mittlerer Brustwirbel- säulenbereich) – m. erector
spinae thoracalis
gerade und schräge Bauchmuskulatur – m. rectus
abdominis und m. obliquus abdominisFlexoren der Hand und der
Finger
  


Muskulatur mit Wirkung auf das Hüft- und Kniegelenk

Lendendarmbeinmuskel – m. iliopsoas
birnförmiger Muskel – m.
piriformisSpanner der Oberschenkelbinde –
m. tensor fasciale lataegroßer Schenkelanzieher –
m. adductor magnus
langer
Schenkelanzieher –
m. adductor brevis
schlanker Muskel – m.
gracilis
gerader Schenkelstrecker –

m. rectus femoris
zweiköpfiger Schenkelbeuger –
b. biceps
femoris
Plattsehnenmuskel –
m. semimembranosus

Halbsehnenmuskel –
‘m. semitendinosus


 
 


großer Gesämuskel –
m. glutaeus maximus
kleiner Gesäßmuskel –
m. glutaeus minimus
mittlerer
Gesäßmuskel –
m. glutaeus medius

innerer
Schenkelstrecker –
m. vastus medialis
äußerer Schenkelstrecker

m. vastus lateralis


Muskulatur mit Wirkung auf das Sprunggelenk

Zwillingswadenmuskel –
m. gastrocnemius
Schollenmuskel –m. soleus 


vorderer Schienbeinmuskel –
m. tibialis anterior
langer
Wadenbeinmuskel –
m. peroneus longus
kurzer Wadenbeinmuskel
– m. peroneus brevis

 

 

Um jede negative Veränderung des muskulären Gleichgewichts zu vermeiden, müssen wir uns mit möglichen Störfaktoren beschäftigen, die im Alltag und beim Sport auftreten können.

Störfaktoren im Alltag

- zu häufiges Sitzen,
- keine körpergerechten Sitzmöbel,
- Bewegungsmangel,
- psychische Belastung,
- falsches Schuhwerk,
- Fehlstatik des passiven Bewegungsapparates,
- Erkrankungen am passiven bzw. aktiven Bewegungsapparat.

Störfaktoren beim Leistungssport

- Fehl- bzw. Überbelastung,
- Einseitige Ausbildung der leistungsbestimmenden Muskulatur (in erster Linie Streckmuskulatur),
- zu geringe Erholungsphasen,
- zu häufiges Wettkampftraining,
- fehlendes Regenerationstraining,
- fehlende Ausgleichsgymnastik.

Leider muss festgestellt werden, dass Störfaktoren erst dann berücksichtigt werden, wenn sich erste Anzeichen von Fehlbelastungs- bzw. Überlastungsschäden bemerkbar machen. Sie können die Muskulatur, Sehnen, Gelenkknorpel oder auch – ganz allgemein ausgedrückt – den Kapsel-Band-Apparat betreffen und führen schließlich immer zu Leistungseinbußen. Der Teufelskreis besteht darin, dass Leistungseinbußen häufig einem zu geringen Trainingsumfang zugeschrieben werden. Die Folge davon ist eine Erhöhung der Trainingseinheiten mit einer einhergehenden Verschlechterung des Beschwerdebildes.

Erst wenn die muskulären Dysbalancen als Ursachen für Koordinationsstörungen, mangelnde Beweglichkeit und einer veränderten Bewegungsamplitude erkannt werden, kann durch gezielte Maßnahmen an deren Beseitigung gearbeitet werden. Begrüßenswert wäre ein zielgerichteter Trainingsaufbau, der einerseits mit entsprechenden Beweglichkeitsübungen der Verkürzung der tonischen und andererseits mit Kräftigungsübungen der Abschwächung der phasischen Muskulatur entgegenwirkt. Muskuläre Dysbalancen vorzubeugen, ist wesentlich einfacher als sie später zu beseitigen.